Esoterisch im Ausdruck, radikal im Gedanken | Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler, Foto: Archiv.

Vortrag im Livestream von Julia Ingold

Die eindrücklichsten Äußerungen radikaler Kunst stecken häufig nicht in Inhalten, sondern in der Existenz der Werke überhaupt. Allein der praktische Lebensentwurf der alleinerziehenden jüdischen Frau und freien Künstlerin Else Lasker-Schüler (1869-1945) ist in seiner Konsequenz und Kompromisslosigkeit von beeindruckender Radikalität. Dagegen verblassen explizit ausgesprochene Botschaften. Lasker-Schüler äußert sich in einem ihrer Texte kulturpolitisch. Das Manifest Ich räume auf! Meine Anklage gegen meine Verleger zeugt von der prekären Existenz freier Künstler*innen in der Weimarer Republik. Hellsichtig führt Lasker-Schüler das Problem darauf zurück, dass in einer zweckorientierten, kapitalistischen Gesellschaft nur überlebt, wer eine gefragte Ware feilbieten kann. Doch eigentlich ist all das nur ein Vorwand der Dichterin, Graphikerin und Performance-Künstlerin die eigene Position und die eigene subalterne Stimme im literarischen Feld zu sichern. Lasker-Schülers Politik liegt nicht so sehr in der Bedeutung ihrer Worte, sondern vielmehr darin welche Worte und Motive sie überhaupt wählt und kombiniert. Sie hat eine große Schwäche für alles Geringgeschätzte und nichts als spöttische Ironie für das Erhabene übrig. So stellt ihre Kunst radikal Machtverhältnisse und Diskurshoheiten in Frage – indem sie deren Sturz praktisch mit ihrem eigenen Material vorführt.

Julia Ingold ist Literaturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin. Sie arbeitet am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Literaturvermittlung der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seit 2014 gibt sie zusammen mit Kolleg(inn)en CLOSURE – Kieler e-Journal für Comicforschung heraus.

Achtung: Aufgrund der Corona-Pandemie wird dieser Vortrag als kostenloser Live-Videostream angeboten. Zur Teilnahme folgen Sie bitte diesem Link: https://bbb001hz.makeutopia.de/b/bil-qex-hw2 Sie werden aufgefordert, einen Namen anzugeben, den sie frei wählen können. Sie nehmen automatisch ohne Video und Ton teil und haben im Anschluss an den Vortrag die Möglichkeit, über die Chat-Funktion Fragen zu stellen, die dann vom Moderator an den Referenten weitergegeben werden.

Weitere Informationen und Veranstaltungen in der Reihe «Kunst, Spektaktel und Revolution» finden Sie hier:

spektakel.blogsport.de/

ACC Redaktion (16.04.2020)

Donnerstag, 25. Juni 2020, 20–22 Uhr, Livestream ins weltweite Netz
Eintritt: frei!