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  • Galerie und Kulturzentrum in Weimar
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Ausstellungen

DIRTY TALKING — THÜRINGER VERFÜHRUNGEN

Ein thüringenweiter Ausstellungsreigen in fünf Einzelausstellungen und einer Sammelausstellung. Eine Produktion von ACC Galerie Weimar und Kunstfest Weimar 2022. Eine Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung.

Fr, 26.08.2022–So, 20.11.2022

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Lesedauer etwa 4:57 Minuten

Ob es die Verführung durch Verschwörungstheorien oder politische Versprechen ist oder die typische «liaison dangereuse», ob es die klassische Verführung durch Drogen, den Geschwindigkeitsrausch oder das Glücksspiel ist: Verführungen bringen eine Person oder Menschengruppe dazu, etwas zu tun, dass sie eigentlich nicht vorhatte.
Wer verführt, nutzt Fantasie und Einbildung, um Gefühle zu erzeugen. Wer sich verführen lässt, genießt den Reiz und das Angezogen-Sein. Verführungen sind gewaltlose Manipulation, aus denen mehr werden kann. Sie setzen Energien und Verlangen frei, sie setzen unter Druck. Das Projekt nimmt an sieben thüringischen Orten in den Blick, wodurch
wir verführbar sind – politisch, persönlich, gesellschaftlich. Wie hat oder wurde jeder Einzelne schon verführt? Was hat das mit unserer Heimat Thüringen und dem Realitätsgehalt unserer Lebenswelt zu tun? Welche Verführungsgeschichten gibt es hierzulande? Worin sehen wir heute Verführungspotenzial und was sind für Thüringen nicht untypische Verführungen? Steckt in jeder Verführung nicht auch der Moment des Nachgebens, des ungewollten oder oft auch uneingestandenen Scheiterns? Und braucht eine Gesellschaft um des eigenen Fortbestehens Willen nicht auch beide Seiten der Verführung:
den Reiz des Verführtwerdens und des Sich-Verführenlassens?

GRUPPENAUSSTELLUNG ACC GALERIE WEIMAR
Do 25.8.22 | 16 UHR (Vernissage) | Ausstellungsdauer 26.8.—20.11.22

12 Einzelausstellungen thüringenweit vom 27.9.—11.9.22 sowie darüber hinaus

Kristin Wenzel | Tausend Melodien | Friedrichroda

Sa 27.8.22 | 10 Uhr Ausstellungseröffnung | Bob- und Rennschlittenbahn Friedrichroda, 27.8.—20.11.22

Tausend Melodien sollten erklingen, als am 5. Februar 1966 Radio DDR live aus Friedrichroda, der Stadt der X. Weltmeisterschaft im Rennschlittensport, berichtete. Das Publikum konnte sich unter einer Vielzahl von Musikbändern dessen Lieblingsmelodien wünschen, die dann in der Sendung Tausend Melodien suchen ihre Hörer gespielt wurde. Tausend Melodien ist auch der Titel der Arbeit von Kristin Wenzel, die sich mit der Rennschlittenweltmeisterschaft in Friedrichroda beschäftigt und von der Euphorie erzählt, die mit diesem Ereignis verbunden war. Tausend Melodien erklingen heute, fast 60 Jahre später, im Thüringer Wald am Roten Weg in Richtung Spießberghaus und erinnern an eine nie stattgefundene Weltmeisterschaft. Zugleich hinterfragt Kristin Wenzel mit ihrer neuen multimedialen Installation die Geschichtsrezeption politischer Systeme und deren Umgang mit Niederlagen und kollektiven Enttäuschungen. Damit stellt sie nicht nur das Scheitern in den Mittelpunkt, sondern plädiert auch für eine Lesart jenseits neoliberaler Denkmuster, in der Menschen lediglich über ihren Erfolg definiert werden.

Gökçen Dilek Acay | Davet — Invitation | Schmalkalden

Sa 27.8.22 | 14 Uhr Ausstellungseröffnung | Otto Müller Museum der Moderne, Schmalkalden, 28.8.—8.9.22

«Leben wie ein Baum, einzeln und frei, und brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht.» Nâzım Hikmet (Ran) (1902-1963). Gökçen Dilek Acay zeigt im Otto Müller Museum der Moderne in Schmalkalden ihre Videoarbeit Davet — Invitation. Deren Titel ist dem des Gedichts Einladung von Nâzım Hikmet entlehnt. Darin fordert der türkische Dichter, Dramatiker und Begründer der modernen türkischen Lyrik, dass alle Menschen freie, gleichberechtigte, niemandem unterworfene Individuen sein sollten. Seine Sehnsucht nach sozialer Gleichheit und einem brüderlichen Leben sind unverkennbar. Seine Beschreibung des Waldes kann als Einladung zu Freiheit, Gleichheit, brüderlichem Zusammenleben und gemeinschaftlichem Teilen eingelesen werden. Inspiriert von dieser Idee, interpretiert die Künstlerin den Wald: Menschen werden gezeigt, die in Schmalkalden leben und sich dem Wald aus verschiedenen Blickwinkeln nähern. Die Ausstellung zeigt ein breites Arbeitsspektrum der Künstlerin, das von Zeichnungen auf Knochen über handgewebte Haarskulpturen und handgefertigte Fahnenarbeiten bis hin zu Videofilmen reicht.

Dania González Sanabria & Frank Latorre | Die innere Landschaft | Friedrichsrode

Sa 27.8.22 | 18 Uhr Ausstellungseröffnung | Kunsthof Friedrichsrode | 28.8.—11.9.22

Im Kunsthof Friedrichsrode tauschen am 27. August die Menschen des Dorfs Geschichten von Objekten miteinander aus, in denen pflanzliches Leben erwacht sein wird. Eine wassergefüllte, herzähnliche Skulptur, mit Verästelungen, die symbolisch über persönliches, lokales und soziales Wachstum sprechen, hält sie «am Leben». Dania González Sanabria und Frank Latorre teilen ihre Geschichten mit Objekten, z.B. Trümmer von zerfallenen Gebäuden in Havanna oder schriftliche Zeugnisse ihrer Großeltern in Kuba. Auf diesen Objekten wachsen bereits Moose und Gras und laden Menschen ein, weitere Objekte mitzubringen, die eine Geschichte, Erinnerungen und Erfahrungen in sich tragen. Diese Geschichten sollen in der Natur, im Leben, in Frieden in etwas Anderes umgewandelt, beseelt werden. Mitgebracht werden können z.B. einfache Gegenstände wie ein Stein aus dem Garten, etwas, das schon lange zu Hause lagert, wie Kleidung oder andere Gebrauchsgegenstände, die nicht mehr verwendet werden, aber an bestimmte Zeiten erinnern, auch Fotos oder Dokumente, die die Künstler kopieren (wodurch die Originale gesichert sind).

VVV | Umkehrung des archäologischen Prozesses | Friedrichsrode

Sa 27.8.22 | 18 Uhr Ausstellungseröffnung | Kunsthof Friedrichsrode | 28.8.—11.9.22

Eine anlässlich der Eröffnung am 25. August im ACC zu sehende Gruppe von Objekten wandert anschließend von der Galerie zurück an ihren Herkunftsort im Dorf Friedrichsrode, wo sie am 27. August in einem ausgehobenen Grundstück vergraben wird. Das Künstlerkollektiv VVV (Víctor del Oral aus Mexiko-Stadt und Willie Gurner aus Boston, USA) hat bei seinen Besuchen in Friedrichsrode Objekte gesammelt, die die Dorfbewohner für die Zukunft aufbewahren möchten. Anstatt es dem Zufall zu überlassen, welchen Eindruck zukünftige Generationen von der Vergangenheit haben werden, nehmen die Künstler und die Dorfbewohner*innen die Produktion von Geschichte selbst in die Hand, indem sie Kopien dieser Objekte herstellen und vergraben, um sie in der Zukunft wiederentdeckbar zu machen. Es geht um den «Selbsterhalt» eines Dorfes und um die Fähigkeit von Objekten, zu verführen, zu suggerieren und Geschichten zu erzählen. Welche alternativen Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte könnten diese archäologischen «Köder» für Friedrichsrode eröffnen? Wie wird sich die Zukunft an ihre Vergangenheit erinnern?

Bahram Nematipour | Arbeiten, die ich nicht geschafft habe | Neustadt an der Orla

So 28.8.22 | 11 Uhr Ausstellungseröffnung | Lutherhaus Neustadt an der Orla | 29.8.—11.9.22

Bahram Nematipours Fixpunkt ist die Bewegung, sein Beitrag für Dirty Talking «aus dem Leben gegriffen»: Eine Kamera begleitet den getriebenen Konzeptartisten und figurativen, mit Deformationen arbeitenden Maler, bei Alltagsjobs zur Sicherung des Lebensunterhalts — er lehrt Zeichnen an der Bauhaus-Universität Weimar, gibt Grafikdesignkurse an der Weimarer Mal- und Zeichenschule und unterrichtet Kunst an der Parkschule Weimar. Um-die-Ecke-Denken und Zwischen-den-Zeilen-lesen, damit wurde der «hoffnungslose Hoffnungsvolle», «viel zu oft Verführte» in Teheran sozialisiert. Gespeist aus dem eigenen Erfahrungspool, verarbeitet er tiefe Emotionen um Verführung, Liebe, Hass und Eifersucht. Oder Kontraste und Konflikte zwischen dem, was Tradition, Religion, Politik und Regierung von den Leuten erwartet, und dem, was sich tatsächlich im Land abspielt. Als Wanderer zwischen den Welten ist er mit den Ursachen und Folgen von Flüchtlingsbewegungen und der Verantwortung des Westens demgegenüber vertraut. Für Neustadt an der Orla schweben ihm allerdings Arbeiten vor, «die ich nicht geschaffen habe».

Kurt Grünlich | Frankie goes to Burgk | Burgk

So 28.8.22 | 16 Uhr Ausstellungseröffnung | Museum Schloß Burgk | 29.8.—31.10.22

Bereits in frühen Werkgruppen verhandelte Kurt Grünlich die mannigfachen Spielarten eigener Seduktionen, die ihm, damals Helfer der Volkspolizei, Nachtclubtänzer und Leichenwäscher, gerade in den abseitigen Falten seiner nächtlichen Tätigkeiten begegneten, ja belästigten. Mit dem Ziel, werdende Mütter und Väter zur Namensgebung eines in den letzten Jahrzehnten leider arg stiefmütterlich behandelten Vornamens zu verführen, lädt Kurt Grünlich nun Dutzende gestaltende Franks anlässlich des 1. Frank-Treffens der gerade in Gründung befindlichen Deutschen Frank-Gesellschaft zur Ausstellungsteilnahme nach Schloß Burgk ein. Info-Stände, Vorträge, Lesungen, Film, Theaterstück, Musik und ein Gottesdienst mit Orgelmusik von ausgewählten Namensträgern sind, neben der Präsentation von Malerei, Grafik, Objekten, Kompositionen und Fotografien — immer von und über Franks — geplant. Neben der zweitägigen Veranstaltung auf dem idyllischen Schloß Burgk bei Schleiz gibt es vom 26.8. bis zum 20.11.22 im zweiten Ausstellungsteil im ACC weitere Franksche Exponate zu sehen (Eröffnung 25.8.22, 16 Uhr).

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