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Ausstellungen

Rückzug | Retreat

Die Ausstellung des 27. Internationalen Atelierprogramms der ACC Galerie und der Stadt Weimar.

So, 12.06.2022–So, 14.08.2022

Clara Carvajal

Lesedauer etwa 4:53 Minuten

Ausstellungseröffnung Samstag, 11. Juni 2022, 20 Uhr.

In den aktuellen politischen, sozialen und ökonomischen Krisen und in Zeiten der Veränderung zum weniger Guten oder vielleicht gar zum Schlechten fühlen wir, kaum überraschend, den Drang zum Rückzug: weg von der äußeren Welt und Öffentlichkeit, weg von unlebbaren oder unlebbar scheinenden Verhältnissen – und hinein ins Private, in Innenwelten, vielleicht in eine Art innerer Emigration.

Es mag ein Rückzug sein aufgrund unerfüllter Hoffnungen, aufgrund postrevolutionärer Enttäuschungen oder wegen der ganz persönlichen Ratlosigkeit, die andere Auswege nicht mehr als sinnvoll erachtet, und zu Passivität oder Idealisierung der Beschaulichkeit führt. Es mag die Angst vor drohenden Krankheiten sein oder eine Reaktion auf aktuell auferlegte Abstandspflichten. Es mag die Selbstisolation aus Überdruss an dem Zuviel der Mediengesellschaft sein oder die Flucht vor der Überarbeitung unterm Leistungsdruck oder etwa auch eine Folge der Selbstbeschränkung angesichts der Umweltfolgen von Massentourismus und Intensivkonsum.

Oder reagieren wir einfach so, wie man es Intellektuellen oder Künstler*innen einst zugeschrieben (und zugebilligt) hat, jenen „großen Geistern“ also, die, wie Aristoteles einst schrieb, „sich selbst genug“ sind, und dem vielleicht banal und lärmend anmutenden Außen wenig Wert beimessen oder eben dieses Außen geradezu verachten? Und nicht zuletzt ist zu erinnern an jenen Gedanken, wie Glenn Gould ihn formulierte: „... der einzige Vorteil, den jeder Künstler hat …, ist diese Distanz zur Welt“ – eine Distanz nämlich, die durch Isolation und Alleinsein die Aufmerksamkeit auf das Kleine und Einzelne fördert, die äußere Ablenkungen mindert und so die äußere wie innere Welt in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Der bewusste Rückzug in die eigenen vier Wände („My home is my castle“), sei es aus Politikverdrossenheit, verlorenem Glauben oder einem Gefühl des „Abgehängtseins“, sei es aus einer „Die Schäfchen ins Trockene bringen“-Mentalität, „Ich mach mein Ding“-Lebenseinstellung oder dem ausdrücklichen Willen zur Selbstbestimmung – all dies ist jedenfalls ein hierzulande nicht selten identifiziertes gesellschaftliches Phänomen, gerade in jüngster Zeit.

Der geregelte Rückzug als Militärtaktik hingegen, also die geordnete Absetzbewegung, das gefechtsmäßige Lösen vom Gegner unter ständiger Feindeinwirkung, wird oft als schwierigstes militärisches Manöver überhaupt bezeichnet. Möglicherweise ist nicht Angriff, wie einst der preußische Generalmajor Carl von Clausewitz behauptete, sondern der Rückzug die beste Verteidigung, wie ihn der russische Generalfeldmarschall Michail Kutusow 1812 mit seinem Scheinrückzug als Kriegslist gegen Napoleon praktizierte.

Sechs Jahre vor 1812 war Weimar, durch Jahrhunderte Rückzugs- und Wirkungsort zahlreicher Dichter und Denker, aber auch Epizentrum bürgerlichen Kleingeistes (aus dem sich manch Kulturschaffender zurückzog), von napoleonischen Truppen geplündert worden. Goethe traf Napoleon gerade ein Mal. Des Dichterfürsten Refugium (und Arkadien zugleich) war sein Gartenhaus im Weimarer Ilmpark, das Römische Haus gegenüber der Rückzugsort seines Fürsten, Mäzens und Weggefährten Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Für Viele ist das als Museums-, Beamten- und Pensionärsresidenz bekannte, einst „Pensionopolis“ genannte Weimar heute ein familienfreundlicher, umgrünter Studienort, Ruhesitz, Schlupfwinkel und sicherer Hafen – und entgegen anderer ostdeutscher Städte von Zuzug und Wachstum geprägt.

Mit Blick auf dieses so vielgestaltige wie widersprüchliche Feld der Rückzugsformen und -motive rief das 27. Internationale Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar Künstler*innen auf, sich mit ihren Projektvorschlägen zu bewerben. Auf dass Weimar für sie unter Umständen zu jenem Rückzugsort und Retreat werde, an dem man zeitweilig loslässt vom Gewohnten, um sich frei von äußeren Einflüssen aus dem Alltag in die Einsamkeit zurückzuziehen.

The Displaced Hive | Ein vertriebener Bienenstock (2021/22) ist ein Altarbild aus 25 in Holz geschnittenen und auf Papier gedruckten Motiven, mit dessen Produktion Clara Carvajal (Madrid) im Weimarer Sommer 2021 begann. Das Projekt beschäftigt sich mit dem Streben des Menschen nach neuen Zielen und der damit verbundenen Übersättigung und stellt drei Formen dieser Übersättigung vor: den Massentourismus der Bergsteiger*innen auf dem Mount Everest, der 2019 zu einem Stau auf dem Gipfelweg führte, wie Subin Takuri ihn in seinen Fotografien verewigt hat, der neue Weltraumwettlauf zwischen Privatunternehmen großer Tycoons, die zum ersten Mal in der Geschichte Tourist*innen in den Weltraum befördern und die Wellen von Einwanderern, die ihr Leben riskieren, um Grenzen zu erreichen, die ebenso begehrt wie unerreichbar sind. Die gewählte Form, ein Altarbild mit erzählerischen Szenen, stellt – über die Religion – eine Verbindung zu anderen traditionellen Fluchtwegen der Menschen her und ermöglicht uns, eine mythologische Ikonographie um die drei gewählten Themen zu entwickeln. Neben Der verdrängte Bienenstock stellt Clara Carvajal zwei weitere Werkserien aus ihrer Konzeptreihe For a Biology of Images | Für eine Biologie des Bildes aus: Grenzgötter: Soziale Archetypen des östlichen Mittelmeers (2019/20) und Die Schikanen des Menschen: Soziale Prothesen und andere Geräte (2021).

A Crack As A Sign ... (2021/22) ist eine performative Forschungsreise, die Mappings (Kartierungen) der Haut, Archivinstallationen und eine Videoperformance umfasst, die alle eine Suche nach der Bedeutung von Ekzemen und sozialer Handlungsfähigkeit im Körper dokumentieren. Irgendwo zwischen dem Individuellen und dem Kollektiven, dem Realen und dem Fiktiven, verwendet Malak Yacout (Kairo) in ihrer Performance Personas (psych.: die nach außen hin gezeigte Einstellung eines Menschen; Charaktere; Rollen; Identitäten), um sich Therapeuten und Dermatologen als stumme Zeugin von Ungerechtigkeiten zu nähern und bringt ihre eigene Untätigkeit mit Schuldgefühlen selbst in Verbindung. Sie mutmaßt, dass ihre rissige Haut etwas Unausgesprochenes mitteilt. Sie archiviert ihre eigenen Ausschläge (und die anderer) und stellt sie Dokumenten von Angriffen auf kulturelle Institutionen und Menschen gegenüber; sie fragt nach einem möglichen Zusammenhang zwischen ihrem Schweigen und (eingebildeter oder tatsächlicher) Schuld; und schließlich verbindet sie mikroskopische Bilder ihrer eigenen trockenen, rissigen Haut (und der anderer) mit einer Erzählung über ein geplantes Werk, das aufgrund der Gefahr, die die Realität darstellte, auf Fiktion zurückgreifen musste. Könnte etwas so Alltägliches wie ein Ekzem nicht nur ein Zeichen für Schmerz (der sonst nicht dargestellt wird) sein, sondern auch für Rückzug (aus dem öffentlichen Leben), für (eingebildete oder reale) Komplizenschaft, für überhaupt etwas?

Auf Wiedersehen | There Will Be Peace (2021/22), ein kontinentübergreifendes Projekt des Künstlerduos Noy Haimovitz und Tamir Erlich (Mishmar Ayalon/Israel), besteht aus zwei Ausstellungen – einer im ACC und einer zeitgleich in der Barbur Gallery in Jerusalem laufenden. Sie kommunizieren miteinander und fungieren als Parallelwelten, die Archetypen des Tourismus und der Kultur der beiden ikonischen historischen Städte integrieren. Zentrum der Ausstellung sind zwei performative Skulpturen, die den Betrachter auf Deutsch ansprechen, der lokalen Sprache, die die Künstler weder sprechen noch verstehen. Die Klangstücke bringen zeitgenössische israelische politische Diskurse in die deutsche Galerie, die mit der lokalen Kultur und Politik verschmolzen sind und von der berüchtigten Geschichte überschattet werden, die Teil der israelisch-deutschen Beziehung und Identität ist. Die Übergänge zwischen den Sprachen umreißen einen surrealistischen Raum in der gesamten Ausstellung, weswegen es nicht einfach ist, eine eindeutige nationale Identitätserzählung zu erkennen. Durch verschiedene Arten der Übersetzung mittels Symbolen, Bildern und Wörtern verwandeln sich die Quellen der Werke und werden Gegenstand von Assoziationen und der Sichtweise, des Wissens und des Hintergrunds des Betrachtenden. Die Schau zeichnet ein präformatives und touristisches Umfeld nach, das der urbanen politischen Kultur beider Städte folgt. Das Künstlerduo verwenden scheinbar banale Themen wie Reality-TV-Shows, die deutsch-jüdische historische Identität und ein vermeintlich unvoreingenommenes Grundwissen über die Heilige Stadt, die in der Schau zu Elementen einer extrovertierten, verwirrenden und sogar beängstigenden zeitgenössischen Realität werden.

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